Al fresco – In Rom erleben alte Techniken ihre Wiedergeburt

Vor nicht allzu langer Zeit waren die einzigen Wandbekleidungen in den Häusern nicht etwas Papiertapeten, sondern Fresko-Motive – direkt auf die Wand gemalt. Die römische Künstlerin Patrizia Gioia lässt die alte Technik in ihrer Bottega wieder aufleben.

(Text: Alexandra Barone, Fotos: Alexandra Barone/Patrizia Gioia)

Im 11. Jahrhundert gab es Ledertapeten im Orient die Rede und französische Adlige des 15. Jahrhunderts verwendeten wertvollen Gobelins als Wandbekleidung. Erst im 16. Jahrhundert importierten Händler die ersten Papiertapeten aus China nach Europa. Ab dem 19. Jahrhundert wurden sie „in Serie“ hergestellt und somit auch für das Bürgertum erschwinglich. Und wie sah die Alternative bis zum 19. Jahrhundert aus? Die Antworten sind Fresken oder Wandmalerei von Laien oder professionellen Künstlern direkt auf die noch nasse und frische Wand (al fresco) oder auf die bereits fertige Mauer (al secco) aufgetragen.

Ein Fresko überdauert oft Jahrtausende

Bereits in der Antike war die Freskomalerei sehr beliebt – nicht nur bei den Römern, sondern auch in Ägypten. Doch was macht sie so robust? Warum ist sie auch nach Jahrtausenden noch gut erhalten? Ein Besuch bei Patrizia Gioia soll Aufklärung bringen. Die römische Künstlerin ist gelernte Chemikerin, ihr Spezialgebiet: Kalkstein. „Die Freskomalerei beruht auf dem Prinzip des natürlichen Kalk-Kreislaufes: Brennen – Löschen – Abbinden von Kalk“, erklärt Gioia. „Wenn durch Wasserabgabe und Kohlenstoffdioxid-Aufnahme das Calciumcarbonat rekristallisiert, werden die Farbpigmente in die Feinstruktur der Oberfläche eingelagert. Die Farbschicht ist fest mit der Mörtelschicht verbunden, ein Abblättern ist nicht mehr möglich.“

Arriccio, Sinopien und Intonaco – vor dem eigentlichen Fresko muss viel vorbereitet werden

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Vorbereitungen für ein Fresko (© seilnacht.com)

 

Bevor der Künstler überhaupt zum Malen kommt, ist eine intensive Vorbereitung nötig. Auf eine gut befeuchtete Mauer trägt er zuerst eine grobe Mörtelschicht aus Weißkalk, Kies und Sand auf. „Auf diese Schicht wird eine etwas feinkörnigere Schicht aus eben diesen Materialien aufgetragen, der Arriccio, erklärt Gioia. Dieser Verputz wird schon vorher zubereitet, er kann mehrere Jahre aufbewahrt werden. Je länger er aufbewahrt wird, umso cremiger wird er. Ganz frisch zubereitet ist er nicht brauchbar. Danach bereitet der Künstler eine Sinopie vor. Diese wird auf einem Karton angefertigt, die Linien der Vorzeichnung werden mit einem spitzen Griffel durchlöchert. Nun legt der Künstler die Sinopie auf den Arriccio und betupft den Karton mit dem Erdpigment Sinopia, das durch die „Löcher“ punktweise auf den Arriccio dringt. „Ohne Sinopie kann man nicht anfangen zu malen, da man oft tagelang an einem Fresko malt und sonst keine Anhaltspunkte hat“, erklärt Gioia. Über die Vorzeichnung kommt nochmals eine dünne Schicht aus Sand oder Marmorstaub und feinem Kalk, diese Schicht wird als Intonaco bezeichnet.

Die Farben für die Fresko-Malerei müssen Kalk-beständig sein

Nun kann der Künstler mit dem Malen beginnen. Als Pigment darf der Freskomaler nur Kalk-beständige Farben benutzen. Pigmente wie Berliner Blau oder Bleichromat verfärben sich durch die Vermischung mit Kalk, sie kommen für die Freskomalerei nicht infrage. Aber auch Pigmente mit einem Salzanteil oder mit Verschnitt-Anteilen aus Gips, Kreide oder Tonerde sind nicht geeignet. Die Pigmente werden mit Wasser verrührt und direkt auf die oberste Schicht, den Intonaco, aufgetragen. Der Maler muss schnell arbeiten, denn sobald die oberste Verputzschicht trocken ist, besteht die Gefahr, dass die Pigmente nachdunkeln. Beim Trocknen und Verkieseln des Verputzes entstehen Kristalle, die mit den Pigmenten eine dauerhafte, chemische Bindung eingehen. Dabei ist zu beachten, dass die Farben beim Trocknen des Verputzes aufhellen. „Pro Tag muss ein Einzelmotiv komplett fertiggestellt werden, da sonst das Problem entsteht, dass beim Auftragen des neuen Putzes am nächsten Tag andere Malbedingungen herrschen und das Einzelmotiv Farbschwankungen aufweist“, erklärt Patrizia Gioia.

Fresko und al fresco – im Mittelalter und jetzt

Eine Blütezeit hat die Fresko- oder Frischmalerei (italienisch „a fresco, affresco, al fresco”, deutschins Frische“) als Technik der Wandmalerei während des Mittelalters gehabt. Für Jahrhunderte wurde diese Technik an den Kunsthochschulen gelehrt. „Heutzutage werden viele Maltechniken direkt am Computer gefertigt, daher lehrt kaum eine Hochschule mehr diese Technik – zumal die Vorbereitungen viel Platz und Zeit in Anspruch nehmen“, so Gioia. Die römische Künstlerin hat daher ihre Kunstschule „Bottega dell’Affresco“ gegründet, in der Interessierte in Tages- und Wochenkursen die alte Maltechnik erlernen können. Einen Vorgeschmack bietet Gioia auch auf historischen Märkten und -Messen. Der wohl bekannteste ist der „Palio de lo Daino“ in Mondaino. Drei Tage lang verwandelt sich die Stadt in der Nähe von Rimini in ein Mittelalter-Event, mit Buden, in denen die alten und oft in Vergessenheit geratenen Handwerksberufe hautnah gezeigt werden. So auch der Beruf des Freskomalers….


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